Pflegereform? Aber richtig!

Mag. Thomas Kloiber, Geschäftsführer von Leben in Würde, redet Tacheles in Bezug auf die anstehende Pflegereform und antwortet auf die Fragen von Martin Kienreich, Autor von FAQ Pflege.

01.09.22

Mag. Thomas Kloiber

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Die Pflegereform geistert schon seit vielen Jahren durch die Medienlandschaft. Mit wenig konkreten Umsetzungen. Auch vor einigen Wochen wieder, wo die Regierung pressewirksam mit großen Headlines und Ankündigungen spielte, jedoch sämtliche Details dazu bis dato schuldig blieb.
Das Problem auch mit den Verzögerungen liegt vor allem daran, dass es vielfach nicht um die Kraft der Reformen geht, sondern um den Versuch der Stakeholder, der so genannten Trägerorganisationen, ihre Interessen zu „pflegen“ und ihr beträchtliches Terrain zu schützen. So werden Dinge ins Leben gerufen, die oft wenig effizient sind, und vor allem keine Eigendynamik entwickeln oder selbstregulierend wirken. Hier ist auch bei vielen verantwortlichen Politikern einfach zu wenig Wissen vorhanden, um entgegenzusteuern. Auf die Mechanismen von Angebot und Nachfrage sowie der freien Entscheidung der Betroffenen und der Gleichberechtigung der Betreuungsformen wird weiterhin nicht vertraut. Es gibt engagierte positive Beispiele, diese dringen jedoch in ihren Parteien nicht durch.

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Solche angesprochene Reformen hat es bisher eigentlich nur zweimal gegeben: 1993 mit der Einführung des Pflegegeldes und 2015 durch die Neuordnung der Gewerbeordnung für die 24-Stunden-Pflege. Ersteres hat dazu geführt, dass es heute knapp 500.000 Pflegegeldbezieher gibt und in der 24-Stunden-Pflege rund 80.000 Betreuerinnen legal und geordnet in unserem Land arbeiten und zu einer tragenden Säule in der Pflege geworden sind.

Vollkommen richtig, diese beiden Reformen haben funktioniert und auch eine gewisse Eigendynamik entwickelt. Genau hier müsste auch jetzt angesetzt werden, in der Stärkung der Pflege zu Hause. Das wäre einerseits eine Überarbeitung des Pflegegeldes sowie eine Wertanpassung der Förderung für die 24-Stunden-Pflege. Mit Eigendynamik und Effizienz meine ich, dass diese beiden Maßnahmen dazu führen, dass letztendlich jeder Cent den zu pflegenden Personen zugutekommt. Das Pflegegeld entspricht derzeit nicht dem tatsächlichen Pflegebedarf und müsste neu evaluiert werden und die Förderung des Bundesministeriums hat in den letzten Jahren 25 % an Wert allein durch die Inflation verloren.

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Derzeit wird das meiste Geld in die Förderung der Pflege in Heimen gesteckt. Und das wird auch falsch öffentlich kommuniziert: etwa glaubt die Mehrheit der Österreicher, dass rund die Hälfte der Pflegebedürftigen hierzulande in Alters- oder Pflegeheimen betreut werde. Tatsächlich ist es aber nur ein Fünftel der Pflegegeldbezieher. Knapp 80 Prozent der Menschen, die Pflegegeld beziehen, werden weitgehend zu Hause betreut.

So ist es, aber es ist noch schlimmer: die Betreuung zu Hause ist die mit Abstand meistgewünschte Pflegeform, und zwar von den Personen, die es betrifft. Alte Menschen möchten nicht ins Heim abgeschoben werden, die gewohnte Umgebung verlieren und praktisch entmündigt werden. Aber die Betreuung zu Hause erfährt kaum öffentliche Unterstützung. Während das Geld in die Heime gepumpt wird, hat sich diese Pflegeform gerade bei Corona als nicht krisenfest erwiesen und jetzt werden auch noch ganze Stationen wegen Personalmangel geschlossen.

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Apropos Personalmangel. Dieser ist ja praktisch medial omnipräsent geworden, scheint aber in der stationären Pflege am eklatantesten zu sein, gefolgt von der mobilen Pflege und am wenigsten in der 24-Stunden-Pflege. Kannst Du das bestätigen? Habt Ihr Personalprobleme?

Nein, gerade die 24-Stunden-Pflege hat sich während Corona als krisenfest erwiesen. Meist sind es zwei gesunde Betreuerinnen, die sich abwechselnd quasi in eine freiwillige Quarantäne vor Ort beim Kunden begeben. Das ist einzigartig und hebt sich von allen anderen Pflegeformen ab, die vor allem unter wechselndem Personal, Besuchern und anderen Frequenzproblemen zu leiden haben. Also dieses Personalproblem wird medial falsch kommuniziert. Man muss differenzieren zwischen der stationären Pflege (Krankenhaus, Heime) und der Betreuung zu Hause.

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Wo siehst Du die Lösung im Personalbereich? Mit neuen Kursen auf der Fachhochschule wird das Problem wohl kaum gelöst werden können?

In der stationären Pflege müssten die Löhne ebenfalls erhöht werden. Aus dem Bauch heraus würde ich sagen, um zumindest ein Drittel. Die Arbeit ist derzeit einfach nicht attraktiv für Österreicher-innen. Und eine angedachte einmalige Bonuszahlung ist nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein.

Schon jetzt wandern tausende Pflegekräfte nach Deutschland und die Schweiz ab und nehmen hunderte Kilometer zusätzliche Wegstrecke in Kauf, weil dort das Lohngefüge höher ist, oder durch Reformen die Rahmenbedingungen verbessert wurden.  Wir stehen im direkten Wettbewerb mit diesen beiden Nachbarländern, aber unsere Politik bleibt permanent säumig. D.h. wenn weiterhin nichts passiert, wird Österreich viele weitere Betreuerinnen verlieren.

Hier gilt es nachzuziehen, um wieder auf die Überholspur zu kommen. Und auch hier könnte die 24-Stunden-Pflege ein gutes Lösungspotential bereithalten. Die Pflege ist ein Beruf, der immer auch mit Berufung zu tun hat. Und jetzt hat man schon Tausende dieser „berufenen“ Pflegerinnen im Land, die arbeitswillig sind, ins Sozialsystem einzahlen, Deutsch sprechen etc. Man könnte problemlos die 24-Stunden-Pflege von 80.000 auf 120.000 oder 150.000 Betreuerinnen ausweiten und somit teure Förderungen für Heimplätze sparen und aus diesem Bereich wiederum neue Mitarbeiter für andere Pflegeformen lukrieren. Auch die Aus- und Weiterbildung dieser Kräfte könnte man aus diesen Einsparungen finanzieren.

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Auch ein Angehörigenbonus steht laut Politik im Raum. Allerdings ist auch schon durchgesickert, dass nur rund 24.000 der insgesamt rund 950.000 pflegenden Angehörigen Anspruch auf den Angehörigenbonus von 1.500 Euro haben. So sind z.B. Pensionisten, die die Hälfte der Angehörigenpflege übernehmen davon ausgeschlossen.

Auch das ist wieder eine halbherzige Geschichte. Die Angehörigen zu unterstützen ist wichtig. Sodass sich diese z.B. auch einmal Freizeit nehmen bzw. eine Kurzzeitpflege beauftragen können u.v.m.  Aber das müsste dann wohl für alle gelten.

Darüber hinaus liegt in den pflegenden Angehörigen ebenfalls ein Potential für das Pflegepersonal. Der Nebenverdienst muss erlaubt werden, nicht nur für Beamte, sondern besonders auch für (ASVG-) Pensionisten. Da wird immer davon gesprochen, dass die Leute heute aufgrund der Lebenserwartung eigentlich länger arbeiten müssten, wobei hier der Politik der Mut zur Umsetzung fehlt, und jetzt hat man eine Gelegenheit, zumindest einen Teilbereich elegant und ohne Zwang, fast im Handumdrehen zu lösen und dann scheitert es daran, dass diese Zusammenhänge nicht verstanden werden.

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